#19 Corinne Futterlieb
Vorstudie zum Doppelspaltexperiment - Part 2
Corinne Futterlieb (1982) lebt und arbeitet in Bern. Nach der Ausbildung
zur Farb-Fachlaborantin im Fachlabor Zumstein Bern (EFZ), studierte
sie von 2008-2011 an der Hochschule der Künste Zürich, Fotografie.
Darauf folgten mehrere Jahre als freie Fotografin und Künstlerin. Von
2015 bis 2018 absolvierte sie den Masterstudiengang Contemporary
Arts Practice an der Hochschule der Künste Bern. Ihre Arbeiten wurden
in zahlreichen Einzel-und Gruppenausstellungen gezeigt, sie hat einst
ein eigenes Fotolabor gegründet und arbeitet aktuell als Assistentin für
Fotografie an der Berner Hochschule der Künste.
Liebe Caroline
Dein White Paper Museum hat den Anstoß zu einer Arbeit gegeben, die ich dieses Jahr in Wien – in Kooperation mit Claudia Rohrauer – gezeigt und realisiert habe. Im Zuge dieser Ausstellung hast du mich gefragt, ob ich dir das Paper noch schicken könnte. Erst da wurde mir klar, dass ich a) vergessen hatte das WPM fertigzustellen und das b) der ursprüngliche Gedanke zu dieser Arbeit aus meinen Überlegungen zum WPM stammt. Ha!
Im folgenden Text versuche ich zu beschreiben, wie das WPM die Arbeit «Vorstudie zum Doppelspaltexperiment» ermöglicht hat.
Als ich das WPM zum ersten mal geöffnet und hingestellt hatte, ist mir sofort die Lücke aufgefallen.
Der Spalt auf der linken Seite, welche die Rückwand mit dem Boden verbindet.
Was fasziniert mich so daran?
Der Spalt ist entweder Dunkelheit oder Licht, Lücke oder Raum - je nach Situation oder Perspektive.
Der Spalt unterbricht etwas. Im Fall des White Paper Museums unterbricht er den Raum, die Architektur.
Doch der Spalt unterbricht nicht nur – er öffnet zugleich. Er öffnet einen neuen Raum, einen Raum, der nicht definierbar ist, weil er im Grunde nichts ist. Der Spalt ist kein oder, sondern ein und – eine Gleichzeitigkeit verschiedener Zustände.
Dies wiederum hat mich gedanklich in die Zeit meiner Berufslehre zur Farb-Fotolaborantin geführt - direkt vor die E6 Entwicklungsmaschine. Denn dort habe ich «es» gesehen.
Die Suche nach dem «es» begleitet mich schon lange. Nach wie vor weiß ich nicht, was es ist – aber durch diese Arbeit bin ich diesem «es» etwas nähergekommen. Es ist kein Wort, keine Beschreibung, es ist ein Gefühl. Es scheint mir, als habe es mit der Gleichzeitigkeit zu tun, der Lücke, dem Dazwischen.
Also, ich stehe vor der Maschine. Zuvor habe ich sechs Filme auf die Aufhängevorrichtung gehängt (natürlich im Dunkeln). Durch die Lichtschleuse verlasse ich den dunklen Raum. Auf der Wand, welche das Aussen vom Innen trennt, sind Leuchtanzeigen montiert auf welchen die Temperaturen der Bäder angezeigt werden. Sie hüpfen rauf und runter. Drinnen rattert es. Der Transport befördert die Filme von Bad zu Bad weiter.
Ich bin draussen, der Film drinnen. Eine Wand dazwischen.
Ich frage mich: Was genau ist der Film in diesem Moment?
Wie lässt sich dieser Zustand beschreiben?
Der Zustand von «noch nicht fix aber auch nicht mehr latent».
Der Film befindet sich in der Maschine, während des Entwicklungsprozesses, in einem Möglichkeitszustand (jede noch so kleine Veränderung im Prozess beeinflusst und verändert das Bild). Ein Werdungsprozess welcher sich jeder Beobachtung entzieht. Ein Zustand des Dazwischen, des weder-noch.
Eine Gleichzeitigkeit verschiedener Zustände.
Das Phänomen des weder-noch, der Gleichzeitigkeit verschiedener Zustände, bringt mich gedanklich weiter zur Quantenphysik mit der ich mich schon seit längerer Zeit befasse. Natürlich verstehe ich die Quantenphysik nicht (ich bin ja keine Naturwissenschaftlerin!). Aber immer wieder hatte ich das Gefühl, dass meine Faszination für die Fotografie damit zusammenhängt – dass etwas in mir anklingt, dass sich mit dem «es» verbinden lässt. Ein Gefühl. Es ist verwandt, aber ich weiß nicht wie.
Der Begrifflichkeit des Dazwischen, des weder-noch, begegne ich auch in der Quantentheorie. Sie besagt, dass ein Teilchen (ein Wirks) keine Eigenschaft aufweist, also nur Möglichkeit ist, bevor es gemessen wird. Die Eigenschaft, das Wesen, das Sein des Teilchens, entfaltet sich erst durch dessen Messung/ Beobachtung.
“In meiner Sprache nenne ich es ein »Wirks« oder »Passierchen«. Es ist eine winzige Artikulation der Wirklichkeit, etwas, das wirkt, das passiert, das etwas auslöst. Sie beschreiben die Quantenphysik in einer paradoxen Weise, wie wir sie sonst aus mystischen Texten kennen. Es ist paradox, wenn ich mich der Quantenphysik in der Umgangssprache nähere. Wenn Ihnen das schwammig vorkommt, haben Sie völlig recht. Die Wirklichkeit erscheint uns schwammig, weil ihre Aussagen unendlich vieldeutig sind. In der Physik sagen wir: Die Wirklichkeit ist nicht die Realität. Unter Realität verstehen wir eine Welt der Dinge, der Objekte und deren Anordnung. Also jene Welt, die die alte Physik mit ihrem mechanistischen Weltbild beschreibt. Die alte Naturwissenschaft ist dabei nicht falsch. Sie gilt jedoch nur in einem vergröberten Sinn. Was für unseren Alltag total ausreicht. Die Wirklichkeit in der neuen Physik ist Potenzialität, eine Welt der Kann-Möglichkeiten, sich auf verschiedene Art materiell-energetisch zu verkörpern. Deshalb möchte ich die Begriffe Teilchen oder Atom nicht mehr benutzen und sage statt dessen Wirks oder Passierchen. Ein Passierchen ist ein winzig kleiner Prozess.”
Auszug aus einem Interview von Dr. Johannes Gasser mit Hans Peter Dürr
Zurück zur Entwicklungsmachine.
Der Film befindet sich während der Entwicklung ebenfalls in einem Möglichkeitszustand. Er ist am werden, ist aber noch nicht. In diesem Zustand lässt er sich nicht überprüfen, denn jede Beobachtung/ Messung würde den Zustand des Filmes verändern. In Bezug auf die Filmentwicklung ist Beobachtung Licht, Messung ist eingreifen. Beide Vorgänge sind während der Entwicklung eines Filmes nicht möglich (zumindest nicht, wenn man das «Ergebnis», die «richtige» Entwicklung nicht gefärden will).
Hierzu eine kurze KI-Beschreibung zur Thematik der Beobachtung in der Quantenphysik: «In der Quantenphysik ist Beobachtung*1 (Messung*2) ein aktiver Prozess, der den Zustand eines Systems grundlegend verändert, indem er eine Superposition*3 in einen einzigen, messbaren Zustand zwingt (Kollaps der Wellenfunktion) – ein Phänomen, das unser alltägliches Verständnis herausfordert, da das «Hinsehen» selbst das System stört». Das berühmte Doppelspaltexperiment zeigt: Misst man, durch welchen Spalt ein Teilchen fliegt, verschwindet das Interferenzmuster, was beweist, dass die Information über den Weg die Wellen-Natur des Teilchens zerstört. Diese Messung zwingt das Teilchen, sich wie ein klassisches Objekt zu verhalten.»
*1Beobachtereffekt: Jede Messung interagiert mit dem Quantensystem und verändert seinen Zustand.
*2Messung = Wechselwirkung: «Beobachten» bedeutet in der Quantenphysik jede physikalische Wechselwirkung, die das System beeinflusst (z.B. mit einem Detektor), was das System aus seinem empfindlichen, isolierten Zustand bringt.
*3Superposition: Vor der Messung kann ein Quantenobjekt in mehreren Zuständen gleichzeitig existieren (z.B. an verschiedenen Orten oder mit verschiedenen Spinzuständen). Beobachten heisst Messen, Messen heisst eingreifen, eingreifen heisst Störung (des Ursprünglichen Zustandes). Kommt dir das nicht bekannt vor? Die Gesetze der Quantenphysik gelten nur in einem sehr, sehr, sehr kleinen Massstab*1. Sie gelten nicht in der Welt der Dinge - der Realität - wie sie die alte Physik beschreibt und in der wir uns befinden.
Und dennoch.
In meinem Kopf verschränken sich die Aussagen der Physik der kleinsten Teilchen, der Wirks, mit meinem Gefühl vor der E6 Entwicklungsmaschine. Vor der Entwicklungsmaschine kann ich nicht sehen, nicht beobachten, nicht messen, was im inneren geschieht. Eine Blackbox. Getrennt von mir. Ich stehe da - im Aussen - höre es piepsen und rattern - und ich weiss nicht, was im inneren geschieht. Ich sehe eine Verbindung - ein Gefühl. Es ist verwandt, aber ich weiß nicht wie.
Während ich diese Zeilen schreibe, denke ich an die Aussage von Hans Peter Dürr: «Wenn Ihnen das schwammig vorkommt, haben sie völlig recht». Das gleiche Gefühl schleicht sich mir ein, während ich dir diese Zeilen schreibe. Aber die Sprache der Quantnephysik ermöglicht es mir über etwas nachzudenken und insbesondere etwas in Worte zu fassen, nach dem ich suche und wofür ich sonst keine Sprache finde. Aber eben nicht nur. Es ist eine schwammige Mischung aus Sprache, Gedankenexperimenten, philsophischen Überlegungen und meiner tiefen Bewunderung für die Natur der Dinge.
In der Unklarheit öffnet sich ein Raum der Möglichkeiten. Ich glaube fest daran, dass in diesem dazwischen diesem weder - noch, am Ende der Sprache, eine Form von Wahrheit und grosser Schönheit liegt. Alle diese Überlegungen haben dazu geführt, dass ich eine durchsichtige Entwicklerdose gebaut habe. Der beobachtete Film - also die Abzüge davon - hast du in der Ausstellung mit Claudia gesehen - die «Vorstudie zum Doppelspaltexperiment».
In Freundschaft
Corinne
*
*1
De - Broglie - Wellenlängegleichung: Mit dieser Gleichung lässt sich bestimmen ob zur Beschreibung eines Systems Quantenphysik benötigt wird oder nicht.
λ=ph=mvh
«Warum niemand die Quantentheoroe versteht aber jeder etwas darüber wissen sollte» Frank Verstraete, Céline Broeckaert, C.H.BECK
P.s.: Ich betrachte eine alte Fotografie und bin gerührt. Das Licht aus dieser Zeit führt seinen weg in meine Netzhaut fort. Die Hände der Laborperson sprechen zu mir, wie auch das Material und die abgebildete Person. Sie war da, in diesem Moment, zu dieser Zeit. Dieses ungeheuerliche Gefühl des «es ist so gewesen» verweist jedoch auf keine Wahrheit. Es zeigt eben etwas anderes…
(um genau das geht es – ich bleibe auf der Suche.)


























